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Jonny hat keinen Bock mehr!

Da sitze ich also: Braun gebrannt, mit einem weiteren Rettungsring am Bauch, trockenem Haar und einer riesigen Portion Scheiße auf den Schultern.

Nicht wortwörtlich versteht sich, aber metaphorisch genau auf den Punkt getroffen!

Was ist passiert?

Frankreich, Ende April, Mister Jonny de Vito hat seinen Dienst quittiert.

 

Wobei, so genau stimmt das nicht.

Er lässt sich zwar noch fahren, doch das Gefühl ab dem vierten Gang gleicht eher einer Rennstrecke auf einem Feldweg, als einem Gleiten auf der Asphaltstraße.

Besonders blöd an diesem Tag: Wir wollten morgen Richtung Deutschland aufbrechen…

Ich setze mich also in den Jonny rein und beginne sanft sein Amaturenbrett zu streicheln, während wir beide miteinander quatschen:

Hey, alter Mann. Du fühlst dich nur so alt, aber 200.000km sind ehrlich nichts im Vergleich zu dem, was andere in deinem Alter schaffen! Also, wie sieht´s aus? Machste noch die Strecke bis nach Deutschland mit uns? Sind nur 1300km. Ein Witz ist das, oder nicht?“

Schlagartig erhalte ich eine Reaktion als ich beginne den Motor an zu schmeißen und auf das Gaspedal trete. Heftige Vibrationen verraten mir seinen eisernen Widerstand. Er mag nicht mehr!

Doch ich wäre nicht ich, würde ich es nicht nochmal versuchen:

Pass auf! Ich habe dich verstanden! Du brauchst ne Kur vom ganzen Ziehen und Schleppen. Lass uns einen Kompromiss finden, ja? Du machst den Weg nach Deutschland und danach erholst du dich in der Werkstatt. Bist du dabei? Schlag ein, Kumpel!“

Ich interpretiere sein gleichförmiges Schweigen als ein JA und beschließe im selben Moment, es drauf ankommen zu lassen.

—-

Der Morgen ist angebrochen und die Sonne strahlt, als hätte sie noch nie etwas von menschlichen Problemen gehört.

Es macht mich richtiggehend sauer, dass sie sich heute erlaubt Wärme zu spenden wenn ich mich, zutiefst angespannt, auf die Reise Richtung Deutschland begebe!

Nun gut, denke ich mir. Es gibt jetzt wichtigeres als sich aufzuregen!

Das lange schwere Gespann ist fertig gepackt und alle Kinder im Jonny verstaut.

Die Stimmung ist „geht so“, doch wenn ich in die braunen Augen meiner besseren Hälfte blicke, so weiß ich einfach, dass wir die voraussichtlich 18- stündige Fahrt „nachhause“ schaffen werden!

Proviant im Körbchen- Check!

Wohnwagen angekuppelt- Check!

Alle Insassen angeschnallt- Check!

Den Motor angelassen- Check!

Los geht die Reise nach Jerusalem- ähm, Deutschland!

Die Zeit verfliegt wie im Fluge und als ich „Get lucky“ anschmeiße, befinden wir uns mit brummendem Motor schon fast in Paris.

Hey Jonny du geiles Auto. Du hast die Hälfte geschafft. Nur noch 650km, I mean… datt is doch n Witz für einen Dieselmotor wie dich!“

 

Die vibrierenden Außenspiegel zeigen mir zu jeder Zeit, dass etwas mit dem Auto nicht in Ordnung ist, doch mein starker Wille in Deutschland anzukommen, überwiegt die Angst stehen bleiben zu können.

Wir powern durch und genau 16 Stunden nach Abfahrt in Frankreich erreichen wir um 3 Uhr nachts unser deutsches Ziel und fallen totmüde in unsere Betten.

—-

Das heutige Datum ist der 16. Mai 2022 und ich kann dir sagen: Wir haben eine ewige Tortour mit Jonny hinter uns!

Zu diesem Zeitpunkt steht unser blauer Prachtkerl in einer Mercedes Werkstatt, um all die Wunden zu flicken, die man wohl auch Alterserscheinungen nennt.

Neben einer defekten Antriebswelle die für jegliche Vibrationen zuständig war, hat er vorgestern beschlossen nur mit sehr viel Liebe anzuspringen.

Naja, und was habe ich dann gemacht, als Herr Vito gebockt hat? Ich hab mit ihm geredet. Ein ernstes Wörtchen, versteht sich.


Ich hab ihn mir zur Brust genommen, tief in sein schwarzes Amaturenbrett geblickt, durchgeatmet, meine Augen kurz geschlossen und ihn gefragt, OB ER SIE NOCH ALLE BEISAMMEN HAT???

Ich habe geflucht, geschrien, gebrüllt und geseufzt!

Ich habe ihm die widerlichsten Dinge an den Lack geknallt und mich gefragt, womit wir das verdient haben?

Ich habe gewütet, getobt und wild gestikuliert. Doch nichts passierte. Er war zu keiner Diskussion unter Erwachsenen bereit, der sture Sack!

Nö, er hat mir ein klares Zeichen gegeben, dass er sich momentan bei uns nicht mehr so wohl fühlt, weil wir für sein Alter ganz schön viel von ihm verlangen würden. Tsss….

Arsch“, habe ich zu ihm gesagt und mich widerwillig auf seinen Schoß gesetzt, um gemeinsam in die Werkstatthalle zu fahren.

Und was soll ich sagen?

Nun ist Jonny weg und ich vermisse ihn. Sehr sogar!

Jetzt tut es mir leid, dass ich ihn beschimpft habe und sein Leid nicht sehen konnte, sondern nur meinen Geldbeutel, der immer schmaler wurde.

Naja, wir alle machen Fehler…

Ich warte also hoffnungsfroh auf den Anruf seines Leihvaters und frage mich in dieser Zeit, ob ich nicht leicht einen an der Klatsche habe, mein Auto wie einen Menschen zu behandeln, weil:

Letztlich will ich einfach nur, dass diese Kack-Maschine funktioniert! 😜

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