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Unser Leben ohne Schule – Wie bitte, WAS?

Zugegeben, ich bin kein Mensch für smalltalk. Meine kommunikativen Fähigkeiten enden genau dort wo ich merke, dass Langeweile in mir aufsteigt und mein Gegenüber ein Oberflächenkratzer ist, der langfristig am Sinieren übers Wetter, die Probleme auf der Welt und Omas besten Einkochrezepte interessiert ist.
Seitdem ich denken kann, wurde ich als (zu) neugierig beschrieben (wieso in Herrgott´s Namen unterdrückt man die natürliche Neugierde eines Kindes?), als diejenige, die kein Blatt vor den Mund nimmt, Dinge gerade raus ausspricht und hin und wieder Wörter wie Scheiße benutzt um deutlich zu machen, dass dies auch genau SO gemeint ist.

In der Schule fiel ich den Lehrern durch meine Wortgewandtheit auf und schrieb bereits in jungen Jahren Geschichten, die veröffentlicht wurden.
Und wenn mir ein Furz quer saß, dann war ich oft die Erste, die durchs Klassenzimmer brüllte um diesem den Weg nach draußen zu ebnen.
Mein Mathelehrer verzweifelte kläglich bei dem Versuch, mir Algebra, Geometrie oder Funktionen näher zu bringen und trotz einem Haufen „Überstunden“ in Form von Mathenachhilfe bei einem pensionierten und passionierten Mathelehrer, rühmt sich heute ein ausreichend auf meinem Abschlusszeugnis.
Dass ich mir allerdings Geburtstage plus den dazugehörigen Uhrzeiten merke, ohne, dass es mich anstrengt, ist verdächtig komisch.
Und als wir letztens unsere PPS Nummern dringend brauchten, kam mir auch hier mein mathematisches Gedächtnis zugute.

Quelle: https://www.spreadshirt.de/

Als ehemalige Waldorfschülerin absolvierte ich den verpflichtenden Eurythmie-Abschluss in der 12. Klasse nur deshalb mit einem sehr gut, weil meine Lehrerin es irgendwann aufgegeben hatte mich dazu zu nötigen bei ruhigen, für mich langweiligen und ausdrucksarmen Stücken mitzumachen.
Im Abschlussbericht steht in etwa geschrieben: Katharina überzeugt durch ihre kraftvolle, wilde und unbändige Ausdrucksart in eher schnellen, cholerischen und herausfordernden Stücken! Ruhige, langsame oder besinnliche Werke lehnte sie hingegen entschieden ab.

Denke ich an meine Kindheit zurück, dann sehe ich ein kleines blondes, später braunhaariges Mädchen, welches für ihr Leben gerne Barbie, Puppen und Kaufmannsladen spielte und schon in jungen Jahren aufgrund ihrer Geschichte den siebten Sinn für Menschen entwickeln musste. Und wenn ich heute einen Raum betrete, dann spüre ich sofort welche Stimmung dort herrscht.
Ich sehe die kleine lebensfrohe Person, die voller Abenteuerlust, Einfallsreichtum ( Himmel, wie hab ich es geliebt Schnitzeljagden fürs ganze Dorf zu organisieren) und Lebensenergie fast übersprudelte.

Denke ich an meine Grundschulzeit zurück, so spüre ich den Druck noch heute, der auf meinen Schultern lastete und den Ehrgeiz, den Status Klassenbeste halten zu wollen. Ich sehe mich im Klassenraum mit meinen Schulkameraden, denen vieles weitaus schwerer fiel als mir.
Doch ich habe es nicht geschafft. Schon in der dritten Klasse wurde das Rechnen mein größter Feind, jede Mathematikstunde mein persönlicher Albtraum. Jede schlechte Bewertung und Verurteilung hinterließ einen unsichtbaren Kratzer in meinem Selbstvertrauen.
Nach der fünften Klasse auf dem Gymnasium stand dann fest: Mathe mit einer 5 auf dem Zeugnis bedeutet Schulwechsel auf die Realschule.
Ich wurde stumm vor lauter Entsetzen.

Dann sind wir umgezogen und ich konnte die Waldorfschule besuchen, mich von den ständigen Noten, Tests und dem Gefallen-wollen langsam erholen.
Ich hatte deutliche Stärken und sichtbare Schwächen. Physik und Chemie gesellten sich zum Albtraum M dazu. Selbst wenn ich mich auf den Kopf gestellt hätte, wäre der Stoff nicht in mich geflossen. Pauken und Auswendiglernen haben dazu geführt, dass ich am Ende mein Abschlusszeugnis auch mit Noten in diesen Fächern in der Hand hielt, aber verstanden habe ich bis heute beinah nichts davon.

Doch meine guten Leistungen in englisch und deutsch rissen es raus. Sie hoben meinen ach so wichtigen Durchschnitt ordentlich an und beruhigten mich innerlich ein wenig.
Der Abschied aus der Schule ließ mich frei fühlen..

Und dann war ich auf einmal erwachsen. Die Schule war vorbei- Aus Ende!

Was willst du denn mal werden, Katharina?
Tja, keine Ahnung! Wie wäre es mit Rettungsassistent, dem Helfer des Notarztes?
Verantwortung übernehmen- konnte ich. Biologie- mochte ich. Für Menschen da sein- war ich schon mein Leben lang. Stoff auswendig lernen- kein Problem.
Freundlich, höflich und angepasst war ich mittlerer weile auch.
Eine ganz Nette eben. Einfühlsam, zielstrebig und leistungsorientiert!

Ich bekam sie, die Stelle in DER Elite- Rettungsschule Deutschlands. Man, war ich glücklich!
Und ich drehte eine weitere Runde im alten Muster: Mit Abstand Klassenbeste. Nur Einser auf dem Zeugnis. Jedes Praktikum mit Bravour gemeistert.
Bereits nach wenigen Wochen im Dienst sollte ich als „neue Psychologin“ fungieren und man ließ mir den Vortritt wenn es um Patienten ging, die besonders viel Aufmerksamkeit forderten. Zuhören, Händchen halten, empathisch sein waren meine Stärken.

Monate später dann der Tränenausbruch schlechthin. Ich konnte nicht mehr. Zu viel Druck, die ganze Anerkennung (und Erwartungshaltung) der Familie, das Lob über meinen Fleiß, das war zu viel. Wieder einmal Oberflächenkratzer ohne Ende. Du erinnerst dich an meinen ersten Absatz?
Ich hatte MICH verloren. Außer Pauken, arbeiten, schlafen gab es kaum noch etwas in meinem Leben, was hätte Ausgleich schaffen können.
Alles in mir schrie nach einer knallharten Veränderung!
2008 fiel meine Entscheidung. Ich brach alles ab. Die Radikalität tief aus meiner Brust siegte.
Bereits mit dem Flugticket nach Australien in der Hand, beichtete ich meiner Familie, das es vorbei war.
Was ich erntete war Entsetzen. Entsetzen über meinen Drang nach mehr Freiheit. Entsetzen, all das „weggeworfen zu haben“ was ich mir aufgebaut hatte. Ich ernte alles außer: Verständnis.
Mama, dich ausgeschlossen 🙏

https://blogs.uni-bremen.de/members/hengro/

 

Das war der Beginn meiner Reise zu den wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Ich war es satt, es anderen Menschen recht machen zu wollen. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von Bewertungen, Vorurteilen, zunehmenden Erwartungen und dem ganzem Einfluss von Außen. Ich wollte all die Anerkennung über das was ich TUE, statt dem, wer ich BIN nicht mehr (er)tragen!
Ich wollte wieder zu dem zurückkehren, was in mir steckt, mich dem Hingeben, was mich ausmachte.
Wieso sah denn kaum jemand meine zarte Schale, meinen Willen und die Durchsetzungskraft, die hinter einer solchen Entscheidung stand? Wieso konnten sie nicht anerkennen, dass ich für mich einstehe und dem folge, was mein Herz mir sagte?
Ständig ging es darum Leistung zu bringen, stark zu sein, durchzuhalten und im besten Fall irgendwann an der „Spitze der Gesellschaft“ anzukommen (Angesehene Berufe wie Anwältin, Managerin, Hauptsache sicher verbeamtet etc.).
Es widerte mich an und das tut es bis heute!
Ich musste hier raus!

Seitdem wir in Irland sind, spüre ich noch mal deutlicher, wie krass wir Deutschen darauf getrimmt sind, uns über den Beruf zu identifizieren.
Hier in Irland interessiert das nicht die Bohne. Da wurde ich beim fünften, sechsten oder siebten Treffen vorsichtig gefragt was wir beruflich tun. In Deutschland stellt man sich am besten direkt mit Name, Alter und Berufsstatus vor.
Um mich klar auszudrücken: Ich feiere es total, wenn Menschen aus ganzem Herzen Arzt, Anwalt, Lehrer o.ä. werden. Aber ich weigere mich dem zuzustimmen, wenn Menschen dies tun, um sich geliebt und wertvoll zu fühlen!
Und ich verweigere die Haltung generell, dass Menschen Menschen nach ihrem Berufsstatus beurteilen, statt nach ihrer einzigartigen Persönlichkeit!

Heute. 2021 sitze ich hier und darf mich Mama dreier Kinder nennen.
Wir machen unschooling. Was bedeutet, dass unsere Kinder intrinsisch motiviert lernen. Weil wir wissen wie wichtig es ist, aus einem inneren Antrieb heraus Neues wie ein Schwamm aufzusaugen. Nein, diese Art des LEBENS ist keine Trotzreaktion auf das, was bei mir unglücklich gelaufen ist, weil ich weiß, dass auch diese Erfahrungen einen großen Erfahrungs -und Entwicklungsschatz bereit hielten (Zumal mein Liebster eine, nach eigenen Aussagen, größtenteils schöne Schulzeit hatte).

Die Entscheidung fürs so genannte Freilernen beruht auf einem jahrelangen Prozess der inneren und äußeren Reifung. Sie ist die Quintessenz dessen, was Peter und ich für wichtig erachten und gerne an unsere Kinder weitergeben möchten. Unschooling beruht darauf, dass all die Gaben und Talente bereits in jedem von uns bei der Geburt schlummern und als kleine feine Knospe zum Blühen erwachen.

Welche Fähigkeiten hast du seit deiner Geburt? In welche Form kannst du sie gießen, um dir und anderen damit zu dienen? Welche Glaubenssätze stecken bei dir noch tief in Bezug auf Bildung, Erziehung, Studium? Lass´ mir deine Antworten gerne in Form eines Kommentars da- ich würde mich freuen!

Heute leben wir in Irland. Wir sind ziemlich frei (von Stundenplänen, Pausenzeiten, Beurteilungen, Leistungsdruck, Verbiegen der eigenen Persönlichkeit, dem Lernen nach Schema X, Tests um den Lernstand abzufragen, dem morgendlichen Weckerklingeln, Zeugnissen, Ferien und Schulzeiten usw.). Und uns gefällt das so!

Auch wenn wir glauben, dass jede Familie ihren eigenen Weg gehen sollte, können wir nach den Schulerfahrungen unserer Kinder im Vergleich zum freien Lernen eines mit Sicherheit sagen: Ich habe selten Kinder erlebt, die sich über Stunden, Tage und Monate so intensiv mit Themen auseinander setzen dürfen wie unsere Drei es tun (Fördert u.a. die Konzentrationsfähigkeit, die Zielstrebigkeit usw.).
Es macht mir viel Freude zu sehen, wie weltoffen und unbändig neugierig meine Kinder die Welt erkunden und wie viel sie in ihren relativ kurzen Leben bereits schon erkunden konnten.
Es ist so spannend zu merken, mit welchem Scheiß sie sich NICHT auseinander setzen müssen, der mich mit 11 Jahren bereits begleitet und sich tief verwurzelt hat.
Und was ich am aller schönsten finde: Sie gehen dem nach, was in ihnen steckt. Sie können ihre Stärken stärken und sie auf natürliche Art fördern. Weil niemand ihnen sagt was sie können MÜSSEN. Weil niemand ihnen sagt, was sie falsch machen oder wo sie hinterher hängen.

Und das, was aus dieser Art des Lebens bleibt, sind Erwachsene, die weitestgehend frei sind von Konkurrenzdenken, Gefallen-Wollen und Klappe halten. Aber das Tollste daran ist, dass sie wissen was sie wirklich gut können und was sie wirklich brauchen. Weil sie das tiefe Vertrauen in sich tragen, sich alles aneignen zu können was sie brauchen.

Ob ich manchmal zweifle, verzweifle oder die drei in Institutionen stecken will? Aber klar! Auch für mich ist das ein völlig neues Lernfeld, welches mich ständig und immer wieder lehrt zu vertrauen. Weil es mir meine eigenen Beschränkungen und die krassesten Glaubenssätze aufzeigt. Weil ich mit Themen in Kontakt gebracht werde, die ich noch bearbeiten darf. Und weil es für mich immer wieder bedeutet zu reflektieren und zu schauen, ob es allen damit gut geht!

Du kannst dir nicht vorstellen wie sehr ich das unschooling anfangs belächelt und verachtet habe!
Nie niemals in meinem Leben habe ich einen Gedanken daran verschwendet, dass Kinder nicht in die Schule gehen. Ich wusste einfach nichts davon und habe es automatisch verneint.
Und dann waren da die ganzen Stimmen von außen, als wir zum ersten Mal diesen Gedanken mit dem unschooling äußerten:

  • Wollt ihr ihm (damals das erste Kind) das wirklich antun?
  • Der muss aber abgehärtet werden fürs Leben
  • Der muss aber abgehärtet werden fürs Leben
  • Ach herrje, wie soll er denn Freunde finden und sich sozialisieren?
  • Das könnt ihr nicht machen! Schulen gibt es nicht umsonst.
  • Wollt ihr dann Lehrer spielen oder was? Ihr wisst doch auch nicht alles.
  • Schulen sind das einzige was Kinder brauchen. Ihr als Eltern könnt ihm niemals das bieten, was eine Schule kann
  • Stellt euch mal vor das würden alle machen. Was wäre dann mit den ganzen armen Kindern, die zuhause geschlagen werden?
  • Die werden niemals im Leben Fuß fassen können. Eure Kinder tun mir leid!
  • Und was ist mit dem Abitur? Und mit studieren? Ihr verbaut ihnen doch die Zukunft!

Um nur einige Aussagen zu nennen.
Für uns ist es der richtige Weg und ich kann jede einzelne Frage und Anschuldigung mit gutem Gewissen für MICH beantworten und bin frei genug, meine Situation immer wieder anzupassen und zu verändern. Das Freilernen ist der Grund für unsere Entscheidung nach Irland auszuwandern.

Hier auf der Insel gibt es ein großes Netzwerk an Familien, die homeschooling ( Unterricht zuhause) oder unschooling praktizieren. Wir nehmen die Möglichkeit wahr, uns mit Leuten zu vernetzen, die ähnliche Werte haben wie wir und bleiben offen für Kontakte außerhalb des unschooling – Kosmos.

Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe dann, dass ich die Verantwortung für mein Leben trage, immer offen für kritisches Hinterfragen bin, aber es niemals allen recht machen werde und das auch gar nicht das Ziel meines Lebens ist.

Weil ich es mir raus nehme glücklich zu sein. Und was Glück für mich und meine Familie bedeutet, das definieren nur wir alleine!

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